Wo sich Österreicher mit COVID-19 anstecken

Written by on 6. Mai 2020

Von der Gesundheitsagentur AGES konnte die Übertragungskette von 3.800 Infizierten zurückverfolgt werden.

Um die Verbreitung der Pandemie eindämmen zu könne ist es wichtig zu wissen, wie und wo sich das Coronavirus in der Bevölkerung verbreitet. In Österreich rekonstruiert die Gesundheitsagentur AGES in Zusammenarbeit mit lokalen Behörden seit Beginn der Coronapandemie in Österreich die genauen Infektionsketten. Wo es räumlich und zeitlich eng zusammenhängende Häufungen an Infektionen gibt, werden diese in sogenannte Cluster zusammengefasst.

Geringe Gefahr in Öffis und im Handel

Schon Anfang April konnte die AGES nachweisen, dass die ersten Fälle in Österreich zu mehr als 50% auf Ansteckungen in Ischgl zurückverfolgt werden können und dass die Tiroler Skigebiete im Paznaun und am Arlberg eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Coronavirus in Österreich spielen. Nun haben die Epidemiologen der AGES weitere Spuren der Infektionen verfolgt. Auffällig war dabei nicht nur die hohe Ansteckungsrate bei Freizeitaktivitäten und im engen Familienkreis, sondern auch jene in Senioren- und Pflegeheimen.

Von den bisher rund 15.500 bekannten COVID-19-Kranken wurden bis 5. Mai 3.822 Fälle in 169 verschiedene Cluster zugeteilt. Demnach besteht in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Geschäften eine eher geringe Gefahr. Bisher konnte keine einzige Infektionskette auf eine Ansteckung in Öffis oder im Handel zurückverfolgt werden.

Die Cluster überschneiden sich teils beträchlich. © AGES

Pflegeheime als Hotspots

Auf Senioren- und Pflegeheime entfällt dafür ein sehr hoher Prozentsatz: 29,5 % oder 1.127 Ansteckungen stammen aus solchen Heimen. Mit einbezogen wurden dabei Fälle unter den Bewohnern, dem Pflegepersonal und deren Angehörigen. Nicht immer ist es allerdings möglich, eine Infektion exakt zuzuordnen. Deswegen merkt die AGES auch an, dass 199 dieser Fälle auch in Zusammenhang mit Freizeitaktivitäten gesehen werden.

Am zweithäufigsten passierten Infektionen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis. 1.075 Fälle bzw. 28,1 Prozent fallen deswegen in den Cluster „Freizeitaktivität und Haushalt“. Dazu gehört auch, wenn sich eine Person z.B. beim Skifahren infiziert hat und die Corona-Erkrankung dann in der Familie oder dem eigenen Haushalt verbreitete. Knapp 10 Prozent der Infektionen lassen sich auf reine Freizeitaktivitäten wie Fitness-Center, Chorsingen oder Skifahren zurückführen. Bei 7,3 Prozent (280 Personen) fand die Übertragung definitiv innerhalb der Familie bzw. zwischen Freunden statt.

Nur wenige Infektionen passierten den Erkenntnissen der AGES nach am Arbeitsplatz – lediglich 2,4 Prozent. Dies ist allerdings wenig überraschend, da in vielen Unternehmen seit Mitte März Home Office vorherrscht. Der gemeinsame Cluster „Haushalt und Arbeitsplatz“ beinhaltet wiederum 12 Prozent der Infizierten.

Im Gegensatz zu Italien hielten sich die Ansteckungen in Krankenhäusern mit 149 Fällen sehr in Grenzen. In Italien waren die zahlreichen Erkrankungen beim Gesundheitspersonal mit dafür verantwortlich, dass die Lage weitaus ernster war als in Österreich.

Vermutungen bestätigt

Auch einige Vermutungen konnten durch die Analyse der AGES bestätigt werden. Infizierte sind tatsächlich schon ansteckend, bevor sie selbst Symptome zeigen. Die Ansteckung geschieht meistens innerhalb von drei bis fünf Tagen, nachdem der ursprüngliche Träger mit der Infektionsquelle Kontakt hatte. Dadurch ist die Zeit, in der Kontaktpersonen eruiert werden können, extrem kurz. Jeder Folgefall kann wiederum andere Menschen infizieren und somit zahlreiche Infektionsketten auslösen.

Bisher konnte bei jeder Infektionskette der direkte zwischenmenschliche Kontakt nachgewiesen werden. Meistens werden die Coronaviren über Tröpfchen übertragen. Weiterhin ist es also oberstes Gebot, Distanz zu wahren und sich regelmäßig die Hände zu waschen.

Auch wenn das Virus als sehr infektiös eingestuft wird, kann es bei einem kurzen Aufeinandertreffen wie beim Einkaufen kaum übertragen werden. Dafür sind mindestens 15 Minuten und ein geringer Abstand von maximal zwei Meter notwendig, um angesteckt zu werden. Interessanterweise ergibt es keinen Unterscheid, ob man dem Virusträger eine Viertelstunde am Stück nahe ist oder z.B. drei Mal für fünf Minuten.

Beispielhafter Cluster A

Als Beispiel für eine rasante Verbreitung einer Infektionskette dient Cluster „A“. Ein Wiener steckte sich mit dem Virus in Mailand an und hatte in den Tagen nach seiner Rückkehr einige soziale Kontakte, da er die auftretenden Symptome erst einer Verkühlung zuordnete und der Test erst nach vier Tagen durchgeführt wurde. Dessen Kontakte gaben die Infektion wiederum zum Teil weiter. Die Infektionskette unterteilte sich in insgesamt sechs Stränge – 61 Personen wurden indirekt von diesem Wiener infiziert.

In der Zwischenzeit ist es nicht mehr so einfach möglich, die Infektionsketten in Echtzeit mitzuverfolgen. Die erhobenen Fälle und deren Zuordnung in Cluster ändern sich ständig. Mit Fortschreiten der Epidemie hätten sich die Infektionsketten allerding verkürzt, so die AGES.

in Cluster “A” kann nachverfolgt werden, wie eine Person direkt oder indirekt 61 weiter Personen infizierte. © AGES

Erhöhtes Bewusstsein

Mittlerweile herrscht in der Bevölkerung ein großes Bewusstsein über die Symptome vor und auch die Risikogebiete sind bekannt. Deswegen treten Personen, die sich krank fühlen, schneller mit Gesundheitsbehörden und Medizinern in Kontakt. Eindämmende Maßnahmen wie Quarantäne, Abstandsregeln oder mechanische Barrieren können dadurch schneller eingeführt und somit die Transmissionskette früh unterbrochen werden.

Die Erkenntnisse der AGES sind auch wichtig, um Maßnahmen zu evaluieren und anzupassen. Weiterhin werden die Lockerungen der Bestimmungen und deren Folgen für die Verbreitung der Epidemie beobachtet.

Die nun veröffentlichten Cluster-Daten sollen nun regelmäßig aktualisiert und auf der Website der AGES veröffentlicht werden.


Links:
Epidemiologische Abklärung der AGES
Analyse der Infektionen im Cluster “A”
Bericht im Profil zu Ischgl als Infektionsherd


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