„Wenn wir beim Alten bleiben, verspielen wir uns die Zukunft des Radios“

Written by on 25. November 2016

Gernot Fischer ist einer der Vorkämpfer für das digitale Radio in Österreich: Im Gespräch mit update erklärt der Geschäftsführer des Vereins Digital­radio, warum er UKW nicht abschalten würde, was DAB+ für den Werbe­markt bedeutet und wie es mit der Einführung des Hörfunks mit den gewissen Extras in Österreich weitergeht.

 

update: 2018 soll DAB+ österreichweit starten, hat die Kommunikationsbehörde Austria (KommAustria) festgelegt. Wird das Datum halten?

Gernot Fischer: Es ist ein absolut realistisches Datum, dass dann mit dem Aufbau der Netze begonnen wird. Im Jänner kommenden Jahres wird nach einem Beschluss der KommAustria die Ausschreibung der Sendenetze über die Bühne gehen. Wir gehen davon aus, dass die Ausschrei­bung bis Sommer abgeschlossen ist und dann ein bis mehrere Netzbetreiber feststehen werden. Dann steht auch fest, wie viele Programme ver­fügbar sein können. Die ORS (Anm. der Redaktion: Österreichische Rundfunksender GmbH & Co KG, verantwortlich für die Infrastruktur von TV und Radio) hält es für realistisch, dass 26 Sender­standorte tatsächlich im Jänner 2019 fertig sind und damit rund 85 Prozent der Bevölkerung mit Privatradios versorgt werden könnten. Welche Programme dann mit an Bord sind, steht noch nicht fest. Aber jeder, der jetzt beim Testlauf dabei ist, möchte natürlich auch im Regelbetrieb on Air sein.

 

update: Was ist der Stand der Dinge, in welcher Phase befindet sich das heimische Digitalradio momentan?

Fischer: Wir sind mit unserem Pilotprojekt DAB+ im Mai 2015 gestartet und befinden uns jetzt in Phase 2, die noch bis April 2017 läuft. Das erste Jahr war dem technischen Aufbau geschuldet, aktuell führen wir Experimente durch, Pro­gramme mit verschiedenen Fehlerschutzmecha­nismen zu versehen. Parallel dazu möchten wir Verkehrsdatendienste und die Tunnelversorgung testen – immerhin haben wir 290 relevante Tun­nel im Straßennetz in Österreich. Bis das erste Netz im Regelbetrieb aufgeschaltet werden kann, werden wir sicherlich noch weitere Fragestellun­gen zum Testen finden.

 

update: Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Digitalradio, aber der normale österreichische Medienkonsument hat davon vielleicht noch nichts gehört. Welche Vorteile bringt das Digitalradio den Konsumenten?

Fischer: Der größte Vorteil ist sicherlich die höhere Vielfalt an Programmen. Mit der Einfüh­rung von DAB+ beenden wir die Frequenzknapp­heit, die es im analogen Bereich gibt, und können ein viel höheres Angebot an Programmen zur Verfügung stellen. Die Übertragung ist störungs­frei und glasklar – auch im fahrenden Auto. Und ich habe zusätzlich die Möglichkeit, digitale Zusatzdienste wie Text, Bilder, Slideshows oder Wetterkarten zu empfangen.“

 

update:  Soll es DAB+ nur mehr als alleinige Technologie geben und UKW abgeschaltet werden?

Fischer: Nein. UKW soll solange betrieben wer­ den, solange es jemanden gibt, der bereit ist, die Kosten dafür zu tragen. Bei DAB+ kann sich ein Rundfunkveranstalter die Netzinfrastruktur mit den anderen teilen und hat dadurch nur ein Zehntel der momentanen Kosten. Das regelt sich über den Preis von ganz alleine. Ich glaube, dass UKW uns noch die nächsten acht bis zehn Jahre begleiten wird und dann ausklingt.

update: Was sagen Sie zu dem Argument, dass DAB+ eine „digitale Insellösung“ ist – im Gegensatz zum Internetradio?

Fischer: Nur auf das Internet zu setzen, ist der falsche Weg. Würden alle Menschen Radio über Streaming konsumieren, hätten wir allein auf­grund der Datenmenge kein mobiles Internet mehr zur Verfügung. Unserer Einschätzung nach wird es bis tief in die 2030er­Jahre dauern, bis das Breitband soweit ist. Zudem ist das Internet nicht in nationaler Hand. Genau dann, wenn es in Kri­senzeiten gebraucht wird, wird es abgedreht, und man kann nicht informieren. Wir sehen einen hybriden Ansatz als beste Lösung – mit Geräten, die sowohl DAB+ als auch UKW sowie Streaming über WLAN oder SIM­-Karte empfangen. Vernünftig ist es dann, wenn die Geräte so smart sind, dass Sie als Hörer nur mehr das Programm aus­ wählen, und das Radio findet den Verbreitungs­weg – möglichst störungsfrei und kostengünstig.

 

update: Welche Möglichkeiten gibt es für Werbung im digitalen Radio?

Fischer: Durch die höhere Zahl von Programmen aus einem Haus schaffe ich eine Fragmentierung des Radiomarktes. Dadurch kann ich zielgruppen­genauer adressieren, was bei UKW nicht möglich ist. Dort habe ich im besten Fall zwei Zielgruppen: Mainstream und Klassik. Mit einem smarten Endgerät wie dem LG-Smartphone mit integrier­tem DAB+­ Chip könnte ich zur Hörerbindung zum Beispiel einen Gutschein mitschicken, der bei der Kassa beim Billa funktioniert – auch ohne Inter­net. Das könnte man dann auch mit Geo­tagging verbinden. Genauso kann ein smartes DAB+­ Radiogerät anonymisiert Nutzungsdaten zurückliefern. Zum Beispiel, welches Programm am meisten und längsten gehört, wann von einem Programm in ein anderes gewechselt wird. Das dazu notwendige Analysesystem ist tech­nisch keine Hexerei und lässt sich mit Google Analytics für Radioprogramme vergleichen.

 

update: Werber brauchen Reichweite, die bei DAB+ im Moment nicht gegeben ist. Wie argumentieren Sie hier?

Fischer: Das ist in Wahrheit ein Henne-­Ei­-Prob­lem. Wenn die Werbewirtschaft sagt, wir glauben daran und bauen gemeinsam mit den Broadcas­tern einen neuen Channel auf, dann wird sie rela­tiv schnell ihre Vorteile daraus ziehen – nämlich, nicht nur viel präzisere Daten zu bekommen, sondern auch mehr Möglichkeiten in der Ver­marktung. Die Reichweite als rein quantitative Zahl verliert an Wert, weil der Streuverlust mit UKW momentan enorm groß ist. Jetzt sagt man ja: „Hauptsache, man erreicht möglichst viele.“ Wenn es mit dem digitalen Radio dann die rich­tige Zielgruppe ist, dann reicht auch ein kleines Sample.

 

update: Auf den diesjährigen Österreichischen Medientagen sagte Kronehit-Geschäftsführer Ernst Swoboda: „Wir müssen auf den Geräten sein, die Leute nutzen, und nicht Menschen dazu bringen, neue zu kaufen. Das werden sie nämlich nicht.“ Was ist ihre Meinung dazu?

Fischer: Ich erlebe das Gegenteil. Obwohl wir erst im Pilotversuch sind und noch keine Werbung gemacht haben, werden schon viele Geräte ver­kauft. In der Pilotphase 1 waren bereits genauso viele DAB­-Geräte im Handel gelistet wie reine UKW­-Geräte, und zwar über 400 Modelle. Zudem hat der deutsche Bundesrat vor Kurzem eine Empfehlung ausgearbeitet, ab 2019 nur mehr DAB-­fähige Geräte am Markt zuzulassen. Das motiviert nicht zuletzt die Automobilindustrie, DAB+ als Standard-­Ausstattung einzubauen, weil sie sonst Gefahr laufen, dass ihre Autos plötzlich kein Radio mehr empfangen. Genauso wird der Handel darauf schauen, dass er sich die Regale nicht mit reinen UKW-­Geräten verstellt.

 

update: Wenn es um den Austausch von Geräten geht, kommt auch immer die ökologische Frage: Was machen mit den Geräten, die dann unbrauchbar sind?

Fischer: Man kann seine alten Geräte mit einem FM­-Transmitter ausstatten, dann ist das kein Elektroschrott. Wir wollen mit DAB+ ein ökolo­gisch vertretbares Radio sein. In einer normalen Empfangsumgebung, verglichen mit UKW, reicht uns ein Zehntel der Sendeleistung, um anzukom­men, wo UKW schon nur mehr rauscht.

 

update: Soll der Einkauf von digitalen Empfangsgeräten zum Zeitpunkt der Einführung von Digitalradio subventioniert werden?

Fischer: Das wird nicht notwendig sein. Es gibt Geräte von ganz günstig bis ganz teuer. Da ist für jeden etwas dabei.

 

update: Wie sieht es mit dem angrenzenden Ausland aus, was tut sich bei unseren Nachbarn?

Fischer: Norwegen wird Anfang 2017 als erstes europäisches Land UKW abschalten. Das ist eine Herkulesaufgabe – man darf nicht vergessen, dass sie 1.100 Autobahntunnels zu versorgen haben. Die Schweiz wird UKW im Zeitraum von 2020 bis 2024 ausklingen lassen. In Deutschland ist der zweite nationale Multiplex in Vorbereitung. Wenn man über die Grenzen schaut, sieht man, welch vielfältiges Medienangebot es bereits gibt, das einen Mehrwert für jeden Einzelnen darstellt.

 

update: Geht es beim Thema Digitalradio auch um die Konkurrenz aus den Nachbarländern?

Fischer: Ja. Die Vorarlberger zum Beispiel haben schon weitaus mehr DAB­-fähige Geräte als der Rest Österreichs, weil sie durch Deutschland und die Schweiz sehr viel mehr digitale Programme empfangen können. Das tut Antenne Vorarlberg und auch dem ORF sehr weh. Dem können wir nur begegnen, wenn auch wir mit DAB+ aufwar­ten.

 

update: Bei all dem Hickhack: Sind Sie den ganzen Kampf um das Digitalradio nicht manchmal leid?

Fischer: Wer mich kennt, weiß, dass ich immer versuche, Emotionen aus dem Spiel zu lassen und die Vorteile zu schildern. Manchen gehen entwe­der bald die Argumente aus, oder sie bekennen Farbe und sagen: Ich fürchte mich vor der Kon­kurrenz. Da kann ich dann nur antworten: Jeder, der das so sieht, ist gezwungen, sich um seinen Content Gedanken zu machen. Aber er braucht sich nicht um die Technologie kümmern, das machen wir für ihn. Eines ist klar: Wenn wir beim Alten bleiben, verspielen wir die Zukunft der Mediengattung Radio. Wir müssen eine Basistech­nologie schaffen, die wir mit der Internettechno­logie verzahnen können. DAB+ wird kommen. Die mutige Entscheidung der KommAustria zeigt ja auch, dass unsere Vorarbeiten gefruchtet haben. Die Behörde ist dem Zweck nachgekommen, die Technologien zu fördern, die Medienvielfalt erlau­ben.

 

 

Was ist DAB+?

DAB steht für „Digital Audio Broadcasting“, die digitale terrestrische Übertragung von Radiosignalen. DAB+ bezeichnet den Übertragungsstan­dard, vergleichbar mit UKW für analoge terrestrische Übertragung oder IP für Onlinestreaming. Die Technologie kann Daten wie Texte, Bilder und interaktive Elemente mitsenden. Voraussetzung dafür ist ein DAB+­Emp­fangsgerät mit Display.

Mit den Funktionen Emergency Warning Functionality (EWF) und Trans­port Protocol Expert Group (TPEG) hat das Digitalradio auch nationale Bedeutung. Mit EWF kann man Radiogeräte im Katastrophenfall von einer Leitstelle fernaktivieren und Informationen sowohl als Audiostream als auch über Textinformation senden. Durch TPEG werden Verkehrsdaten wie Staus, Geisterfahrer, Umleitungen und Ähnliches übermittelt, ebenso wie freie Parkplätze oder die nächste freie Stromtankstelle.

 

 

„Würden alle Menschen Radio über Streaming konsumieren, hätten wir kein mobiles Internet mehr zur Verfügung.“

Gernot Fischer ist Geschäftsführer des Vereins Digitalradio Österreich, und das bereits seit der Gründung im Jahr 2013. Der ausgebildete Nachrich­tentechniker ist zudem geschäftsführender Gesellschafter von Radio Tech­nikum – Österreichs Wissensradio für Technik- und Naturwissenschaft.

 

Quellenangabe:

Artikel von update, Veronika Höflehner

Hier gehts zum Artikel: update, November 2016

 


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